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  • Clara

Den Traum verfolgt - mit Umwegen

Aktualisiert: 19. März 2023

Clara ist 25 Jahre alt und studiert Humanmedizin - was aber nicht immer ihr Ziel war.

Bild: Privat
 

Es ist Dienstagabend im Oktober 2019 und ich sitze auf dem Sofa, meine Gedanken rasen. Nochmal die Berufsausbildung abbrechen für etwas Neues? Nach 4 Jahren Studium? Wie oft will ich mich noch umentscheiden? Ich schaue auf meine Pro- und Contra-Liste und merke, dass sie mir nicht weiterhilft. Ich weiß, dass es gut war meine Gedanken aufzuschreiben, aber gerade schwirrt mir der Kopf. Morgen muss ich mich an der Universität Augsburg für Humanmedizin einschreiben - wenn ich es denn möchte. Bis 12 Uhr morgen hab ich Zeit. Wird es doch eine Bauchentscheidung?


Nach meinem Abitur 2014 steht mir die Welt offen und doch weiß ich ganz genau was ich machen möchte: Ich will Tierärztin werden. Das wollte ich schon immer, also wird es wohl das Richtige für mich sein! Da ich in dem Jahr keinen Studienplatz bekomme suche ich nach einer Alternative und entscheide mich für die Ausbildung zur Rettungsassistentin. 1 Jahr Schule, ein Jahr arbeiten und es ist etwas mit Medizin.

Während der Ausbildung lerne ich viel über Humanmedizin, mache einige Monate Praktika im Krankenhaus, habe eigentlich schon Spaß an der Arbeit aber auch Angst vor der Verantwortung. Nach dem ersten Jahr Ausbildung denke ich nicht groß nach und bewerbe mich wieder für Tiermedizin. Und wie es der Zufall und das Los-Glück will bekomme ich die Zusage für München! Da es das ist was ich machen will, schon immer machen wollte ist die Entscheidung leicht: Ich beende die Ausbildung und ziehe nach München.

Endlich alleine wohnen, endlich studieren, endlich in der großen Stadt! Das Studium ist anstrengend, ich muss lernen zu lernen und auch lernen Prüfungen nicht zu bestehen. Viel Kontakt mit unserem eigentlichen späteren Beruf haben wir die ersten zwei Jahre nicht. Und nach dem Physikum, dem ersten Meilenstein, nach dem Grundstudium brauche ich erstmal eine Verschnaufpause und ignoriere das Gefühl der Unzufriedenheit mit dem was ich mache. Wir sammeln wenige, erste Erfahrungen mit dem Beruf des Tierarztes/der Tierärztin, alle meine Freundinnen und Freunde strömen in den Semesterferien ins klinische Praktikum und ich merke immer mehr: irgendwie ist es nicht das was ich will. Ich schließe immer mehr Berufsziele aus und habe keine Freude an dem was ich lerne. Immer mehr kommt leise der Gedanke in mir hoch: Vielleicht doch Humanmedizin?


Es fällt mir schwer den Gedanken erneut die Berufsausbildung, das Studium, zu wechseln zuzulassen. Ich bin mir meiner privilegierten Lage bewusst und bin sehr dankbar, dass ich völlig frei entscheiden kann, wie und was ich später arbeiten will und dass meine Eltern hinter mir stehen und mich unterstützen, auch finanziell. Der Gedanke, ihnen statt 6 Jahren Studium knapp 10 Jahre finanzielle Unterstützung zuzumuten bereitet mir dennoch großes Unbehagen. Kann ich nebenbei genug arbeiten? Für die meisten Stipendien erfülle ich nicht die Voraussetzungen. Ich rede mit meinen Eltern und begreife wieder, wie viel Glück ich habe, als sie sagen, dass ich mich trauen und den Wechsel versuchen soll. Also entscheide ich mich und versuche, einen Studienplatz für Humanmedizin zu bekommen! Als es dann soweit ist und ich vor der Entscheidung stehe den Platz anzunehmen oder nicht merke ich was alles dahinter steckt und wie viel Jahre Ausbildung und Studium ich aufgebe. Denn außer der Erfahrung bringen sie mir auf dem Papier nichts. Es ist die schwerste Entscheidung die ich am besagten Dienstagabend im Oktober 2019 treffen muss.


Heute ist es Juli 2022, ich studiere im 6. Semester Humanmedizin in Augsburg und fühle mich endlich angekommen. Ich habe mich nie so wissbegierig, ehrgeizig und begeistert erlebt. Ich bin unfassbar froh für jede Entscheidung die ich getroffen habe in meinem Leben und bereue keinen einzelnen Abschnitt meines Weges. Ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen kann, mich nie komplett selbst finanzieren zu müssen aber weiß auch, dass es das Richtige gewesen wäre den Studiengang zu wechseln, auch wenn ich dafür mehr hätte arbeiten müssen.

 

Ich möchte Jeden und Jede ermutigen sich den eigenen Weg zu suchen, egal wie holprig er ist und wie viele Umwege man macht. Denn das Gefühl, endlich das zu lernen, was einen erfüllt, motiviert und glücklich macht ist unendlich wertvoll! Alle sagen immer: Lerne das, was du wirklich gerne machst, du musst noch so viele Jahrzehnte deines Lebens in diesem Beruf arbeiten! Und selbst wenn es nur ein, zwei oder fünf Jahre wären hätten sie recht! Erlaubt euch zu träumen, fordert euch heraus und sucht nach der Berufung, die euch glücklich macht - egal wie lang es dauert!




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